Cover
Titel: Die Giftmischerin
Autor/in: Bettina Szrama
ISBN: 978-3-89977-791-8
DER ENGEL VON BREMEN Die Hansestadt
Bremen im frühen 19. Jahrhundert. In ärmlichen Verhältnissen
aufgewachsen, intelligent und schön, sehnt sich die junge
Gesche nach Glanz und Reichtum. Um dieses Ziel zu erreichen, ist
ihr jedes Mittel recht. Skrupellos und heimtückisch tötet
sie alle, die ihrem Erfolg im Weg stehen.
"Mit Tiefgründigkeit
und Originalität gelingt Bettina Szrama das Kunststück,
nach einer wahren Begebenheit die Giftmischerin Gesche Gottfried
trotz ihres kaltblütigen Wesens als lebendigen und sehr sympathischen
Charakter präzise nachzuzeichnen. Ein rasanter, äußerst
spannender Roman, der an Verstrickungen, Lügen und Intrigen
nicht zu wünschen übrig lässt."
Volkmar Joswig
Literaturkritiker
Leseprobe
. Einen Tag später,
um die Mittagszeit, kam er plötzlich auf den Stock gestützt
die Treppe herunter. Er befand sich in einem solchen jämmerlichen
Zustand, dass Gesche vergaß, dass sie die Ursache seiner
Leiden war, und ehrliches Mitgefühl für ihn empfand.
"Bitte, chérie, geh wieder auf dein Zimmer. Ich bringe
dir gleich etwas Wein mit Ei an das Bett", bat sie ihn und
vermied es, in das eingefallene leichenblasse Gesicht zu sehen.
Gerhard litt seit den Nachtstunden an einem schrecklichen Erbrechen.
Doch er überhörte ihre Bitte und beugte sich schwankend
über das Geländer. Gesche stürzte helfend hinzu
und versuchte, ihn zu stützen, damit er nicht kopfüber
in die Diele fiel. Dankbar griff er nach ihrer Hand und drückte
sie in einer warmen Geste an sein Herz. Dann erst stierte er verloren
auf die schwarze Kutsche im unteren Eingang. Sie wusste, wie sehr
er an dem Wagen hing, hatte er ihn doch einst mit seinen eigenen
Händen gefertigt.
"Wenn ich sterbe, verkaufe diesen Wagen und lass mich vom
Erlös beerdigen", sagte er plötzlich, mit einer
Stimme, die ihr in der gewölbten Diele so hohl und verloren
vorkam, dass sie befürchten musste, dass er längst ahnte,
wer seine Mörderin war.
Die Angst, dass er ihre Absichten erkannt haben könnte, überfiel
sie noch mehrmals, meistens dann, wenn sie sich vorsichtig seinem
Bett näherte. Irgendwann war es Gerhard nicht mehr möglich
aufzustehen. Jeden Tag mischte sie ihm nun eine Messerspitze von
dem Gift in die Hafersuppe und blieb, während er sie zu sich
nahm, abwartend in der Tür stehen. Die grausame Tat rechtfertigte
sie vor ihrem Gewissen mit der Lüge, dass sie es nicht mehr
mit ansehen konnte, wie sehr er litt. Zu ihm an das Bett getraute
sie sich nicht mehr, erbrach er doch sofort jeden Löffel
Suppe, und sie befürchtete, dass das Gift nicht richtig wirken
würde. Seine Augen liefen jetzt immer öfter rot an,
und manchmal hatte sie das Empfinden, er wollte aus dem Bett springen
und sie würgen und schlagen. Sein Blick war immer böse,
wenn er sie, während einer kurzen Erholungspause seines qualvollen
Erbrechens, ansah.
An einem anderen Morgen, als es ihm besonders schlecht ging und
er sich im Schmerz krümmte, rief er nach Gottfried.
Gottfried, der sowieso vorgehabt hatte, sich vor seiner Reise
nach Oldenburg bei ihm zu verabschieden, war gerade unten im Stall
bei den Packpferden. Er gab dem Diener Anweisungen, die Packpferde
zu satteln, und beeilte sich, gleich drei Stufen auf einmal nehmend,
dem Ruf des Freundes Folge zu leisten. Vor Gerhards Zimmertür
traf er auf die völlig in Tränen aufgelöste Geliebte.
Beim Anblick ihrer engelhaften Erscheinung überkam ihn ein
seltsames Gefühl. Ein Gefühl, das ihn beunruhigte, und
er schob die Arme sanft zurück, die ihn in gespielter hysterischer
Trauer und zugleich überschwänglicher Freude umfingen.
Etwas beklommen strich er ihr über das Haar und stellte mit
belegter Stimme fest: "Du bist selbst in deiner Trauer schön."
Dann rannte er an ihr vorbei in Gerhards Zimmer.
Am unteren Ende seines Bettes begrüßte ihn Herr von
Post mit ernstem Gesicht. Er nickte dem Advokaten zu und folgte
dann befangen, die Reitpeitsche zwischen den zitternden Händen,
Miltenbergs schwacher Aufforderung. Durch eine längere Geschäftsreise
hatte er Gerhard einige Zeit nicht gesehen. Als er den Freund
nun so ausgemergelt, dem Tode näher als dem Leben, in den
zerwühlten Kissen liegen sah, reagierte er zutiefst bestürzt.
"Was machst du nur für Sachen, mein Freund. Du brauchst
unbedingt einen guten Arzt", bemerkte er mit schwerer Zunge.
"Den besten, den es gibt!"
Dann ergriff er Gerhards heiße Hände und strich ihm
tröstend über das eingefallene Gesicht.
Gerhard versuchte, die wühlenden Schmerzen vor ihm zu verbergen.
Gottfried erkannte es an den verkrampften Kaumuskeln, welche ungeheure
Anstrengung es ihm bereitete, ruhig liegen zu bleiben und sich
ein Lächeln abzuringen.
"Gottfried
!", röchelte er, und die schwarzblau
geschwollenen Lippen öffneten sich. Gottfried neigte sich
dichter zu ihm herab, um ihm das Sprechen zu erleichtern. "Ich
brauche keinen Arzt mehr. Lebendig findest du mich nicht mehr
vor, wenn du zurückkommst. Ich weiß, du hast mit meiner
Frau zu tun gehabt; ich vergebe dir gern. Versprich mir, sie nicht
zu verlassen, und nimm dich der Kinder an."
Dass Gerhard über seine Beziehung zu Gesche Bescheid wusste,
traf ihn wie aus heiterem Himmel. Vor Scham wünschte er sich
weit weg. Unschlüssig, wie er sich verhalten sollte, schickte
er einen hilflosen Blick zu Herrn von Post. Doch die roten tief
liegenden Augen bettelten, während der Advokat etwas auf
ein weißes Blatt Papier kritzelte. Das Geräusch der
Feder schabte an seinen Nerven. Leise rang er sich zu einer Antwort
durch.
"Ich verspreche es dir, mein Freund, bei Gott, ich verspreche
dir bei meinem Leben, wie ein Ehemann für sie zu sorgen."
Über Gerhards Gesicht zog ein dankbares Leuchten. Dann wurde
das Röcheln lauter. Gerhard rang nach Luft, und Gottfried
spürte, wie sich die kalte Hand in der seinen verkrampfte.
Da stürzte Gesche in gespielter Sorge um ihren Ehemann durch
die Tür. Geschäftig schob sie den Nachtstuhl an das
Bett und rollte Gerhard, dem ein Schwall zähen schwarzgelben
Schleimes aus dem Mund quoll, mit geübtem Griff auf die Seite.
Doch Gerhard bäumte sich auf, entwand sich ihren Händen,
wälzte sich in erbrochenem Mageninhalt, bespritzte Gesche
das Kleid und schrie wie rasend.
Bestürzt rannte Gottfried aus dem Zimmer. Der Anblick des
leidenden Freundes überstieg seine Kräfte. Im Stall
weinte er in die dichte braune Mähne seines Pferdes.
we