
Nachdem
es eine Weile still geblieben war und von dem gemarterten Körper offenbar keine
Gefahr mehr ausging, trippelten die Nonnen an Sophia vorbei in die Zelle. Mit
dem notwendigen Abstand umstanden sie anschließend fassungslos betend die Tote.
Sophia bekreuzigte sich und versuchte einen Zusammenhang zwischen dem Tod der
Äbtissin und der seltsamen Erscheinung
in ihrer Kammer herzustellen. Dabei rollte den federleichten Körper der
Äbtissin auf den Rücken, um ihr die starren Augen zuzudrücken. In diesem Moment
traf sie Franziskas harter Blick. Die Kälte, die von der Klarissin ausging,
ihre steife Unbeweglichkeit und die unangebrachte Feindseligkeit im Angesicht
des Todes verwunderten sie. Sie hoffte dass Schwester Franziska, die
sich der Äbtissin stets sehr ergeben gezeigt hatte, sich nur äußerlich mit
einer harten Schale umgab, um ihre Gefühle zu verbergen. Einlenkend bemerkte sie: „Erst Schwester Johanna und nun
Schwester Benedigta. Wer soll das verstehen? Welche Sünde lastet nur auf
unserem Gotteshaus? Zwei teuflische Verbrechen kurz hintereinander. Das wird
die Kommissare anlocken. Sie werden kommen und überall umherschnüffeln.“
„Wieso
schließt Ihr auf ein Verbrechen, hier in Gottes Haus, Schwester Sophia? Soweit
uns bekannt ist, habt Ihr versucht, durch eifriges Beten den Teufel von der
Äbtissin abzuwehren. So wie schon zuvor bei Schwester Johanna, der Herr sei
ihrer armen verirrten Seele gnädig. Das ist Euch diesmal in beiden Fällen nicht
gelungen. Es reicht eben nicht aus, im Angesicht des Heiligenscheins, der Euch
umgibt, den Menschen Gottes Zorn zu prophezeien, wenn sie nicht zur Umkehr
bereit sind“, kam es spöttisch zurück. „Unsere Schwestern haben Euch vertraut
und es nun mit ihrem Leben bezahlt.“
„Ich
weiß nicht, womit ich Euren Unwillen hervorgerufen habe, Schwester Franziska“,
rechtfertigte sich Sophia ruhig, während sie die Tote nach Verletzungen
absuchte. „Bedenkt, dass es Gott ist, der mich lenkt und der durch meine Hände
Wunder vollbringt. Erinnert Euch an die Nonne der St. Vinzenz-Klause, die erst
im Februar auf meine Fürbitte hin bei unserem Allerheiligsten von einem
schmerzhaften Beinleiden genas. Wenn Ihr damit sagen wollt, dass meine Bemühungen
die Dämonen aus Benediktas Körper zu vertreiben sie getötet haben, dann irrt
Ihr. Unsere ehrwürdige Schwester ist nicht durch die Teufelsaustreibung
gestorben, sondern durch eine der sieben Todsünden, die sich ihres Mörders – oder
ihrer Mörderin – bemächtigt hat.“
Mit
einer raschen Bewegung verschwand ihre Hand in einer Falte des Habits der
Äbtissin und legte unterhalb ihres Herzens eine blutige Klinge mit einem
goldenen Knauf frei. „Man hat die Mutter Oberin, wie zuvor auch schon Schwester
Johanna, mit einem solchen Dolch getötet. Ich nehme an, dass man ihr zuvor Gift
gereicht und sie dann zusätzlich erdolcht hat. Unsere gütige Mutter hatte
einen starken Körper, sie hat es ihrem Mörder sicher schwer gemacht.“
Ein
strafender Blick aus den Augen Franziskas war die Antwort. Die Klarissin hasste
es, wenn man ihr widersprach oder ihre Worte anzweifelte. Insgeheim war für sie
die Äbtissin nur eine weitere Besessene des Klosters Santa Klara.
„Seltsam,
wie zielstrebig Ihr eben nach dem Messer gegriffen habt, liebe Sophia“,
höhnte sie leise. „Wenn Ihr von einem Verbrechen ausgeht, dann könnte ich falsche
Schlüsse daraus ziehen. Aber zu Eurem Glück litt die Mutter Oberin an der
‚schedelnden Gottesstraf’, das wisst Ihr ebenso gut wie ich und alle hier
Anwesenden“, zischte sie. „Nach all den Qualen wollte Benedikta sich selbst vom
Teufel in ihrem Leib befreien und hat mit dem Stilett ein wenig nachgeholfen.
Nur das ist die Erklärung für ihren Tod, denn offensichtlich ist es ihr
gelungen, den Dämon zu vertreiben.“
Wie
zur Bestätigung ihrer Worte bückte sie sich, öffnete hastig den Brustschleier
der Toten und suchte mit den Fingern in dem halb geöffneten Mund nach etwas,
ohne noch einen Blick auf das Stilett in der Brust der Äbtissin zu werfen.
„Und
wie, Schwester Sophia, erklärt Ihr Euch das hier?“
Mit einem triumphierenden Blick wies sie auf ein silbernes Kreuz, das sie im Rachen der Toten entdeckt hatte. Sie zog es rasch heraus und schwenkte es dann hoch über ihren Kopf, damit es alle Nonnen sehen konnten.
