Erscheinungstermin Juli/ August 2011
Er hat ein bewegtes Leben hinter sich, er ist verwegen, von weichem Herzen und galant. Er ist der große Räuber Nickel List, der im Jahre 1699 in Celle mit seiner Räuberbande, als der Herr Johann Rudolph von der Mosel, für die spektakulärsten Kirchenraube der Geschichte, u.a. der große Raub der Lüneburger güldenen Tafel, hingerichtet wurde. Er nannte sich selbst listig und doch war es ein Weib, was ihn zu Fall brachte...
Leseprobe;
Er hatte mit ihrer Ablehnung gerechnet und auch wenn
es schmerzte, fühlte er so etwas wie Erleichterung, als
er das Geschmeide zurück in das Kästchen legte. Dann
drehte er ihr den Rücken zu, und als hoffte er auf ein
Wunder, begab er sich langsam zu einem der Koffer,
öffnete ihn und kramte seine schwarze Räuberkleidung
hervor. Er kümmerte sich nicht um ihre bittenden Blicke,
sondern ging zum Spiegel, legte die verschmutzten,
edlen Kleider ab, stieg in die neuen und war wieder
der Räuber Nickel List. Wortlos gürtete er sich die Pistolen um, stülpte sich den Hut auf den Kopf, warf den
Mantel über und griff nach dem zusammengebundenen
Mohrenrock.
Anna hatte seinem Treiben bis jetzt schweigend zugesehen,
nun, als er langsam, ein wenig unschlüssig, an ihr
vorbei ging und den vollbepackten Mohrenrock wie
einen Sack über den Boden hinter sich herschleifte, war
sie mit einem Sprung an der Tür und stellte sich ihm in
den Weg.
»Bitte, Nickel, geh nicht weg!«, bat sie ihn und schlang
die weißen Arme um seinen Hals. »Du darfst mich nicht
verlassen, du bist doch mein Mosel. Wir waren so glücklich.
Nickel schüttelte nur den Kopf, sah ihr ernst und auch
ein wenig traurig in die schwarzen, flehenden Augen. Er
hatte sich entschieden. Während er sie zur Seite schob
und die Tür öffnete, sagte er: »Geh mir aus dem Weg!
Peermann wird dich schon trösten und wenn nicht, übernimmt das Jonas."
»Nickel«, flehte sie jetzt, sank auf die Knie und
umklammerte seine Hüfte. Sie hatte erkannt, dass es ihm
bitter ernst war. »Wenn dir unsere Liebe so wenig bedeutet, dann denk wenigstens an dich, wirf dein Leben nicht so einfach weg.« Sie hob den Kopf mit dem tränenüberströmten Gesicht.
Ihr Weinen war gespielt, ebenso ihre Verzweiflung,
das wusste er. Trotzdem blieb er stehen und blickte nachdenklich auf sie herab. Es hätte alles so schön werden
können mit uns, dachte er, aber sie ist eben nur eine Frau
und hat mich nie verstanden. Dennoch war da etwas, was
ihn nicht in Ruhe gehen ließ, und er fragte sie: »Welches
Leben meinst du, das ich nicht wegwerfen soll, das des
Nickel oder das des Mosel?«
»Meines geliebten Mosels natürlich«, antwortete sie
mit neuer Hoffnung. Sie erhob sich rasch, wischte sich
die Tränen vom Gesicht, griff nach dem Sack, den er
abgelegt hatte, befühlte ihn und begann wie eine Katze
zu schnurren: »Du hast Großes geleistet, Nickel. Bist
ein berühmter Räuber und hast goldene Hände. Willst
du in der Mitte deines Weges stehen bleiben? Wolltest
du nicht immer schon das ganz große Geschäft machen?
Ich wüsste eins, danach hätten wir beide so viel Geld,
dass wir damit bis an das Ende unserer Tage sorgenfrei
leben könnten. Nur noch dieser eine Raub, Nickel, und
ich gehe mit dir, wohin du willst.«
Sie wartete einen Moment, hing wie gebannt an den
unbeweglichen Zügen, bis sich in ihnen Unsicherheit
ausbreitete und sein Zögern ihr zeigte, dass ihre weibliche
List Früchte trug.
Er lief jetzt wie ein gefangenes Tier im Raum hin und
her. Plötzlich blieb er vor ihr stehen und sah ihr fest
in die Augen. »Von was für einem Raub sprichst du?«, fragte er.
Als sie nach seiner Hand fassen wollte, entzog er sie
ihr. »Es geht um die güldene Tafel.«
»Ich soll den Welfenschatz aus Lüneburg stehlen?«
Jetzt lachte er laut und hart auf.
»Ja, mein Mosel, wäre das nicht ein krönender Abschluss?
Wenn dir das gelingt, bist du der König unter
den Dieben«, sagte sie und blickte ihn von unten herauf
an, mit so viel Verschlagenheit in die Augen, dass er Gift
und Galle hätte spucken können.
Fürwahr, sie war eine gute Komödiantin, die beste, die
es gab, und ihm war, als schaute er Magdalena ins Gesicht.
Mit einem Fluch auf den Lippen ließ er sich auf der Bettkante nieder. »Du bist nachlässig geworden, hast vergessen zu sagen, wir wollen den Schatz holen und wissen nur nicht, wie wir es anstellen sollen. Wir brauchen einen Dummen dazu. Nehmen wir den Nickel.«
»Aber nein, Mosel …«
»Nenne mich nicht immer Mosel.«
»Gut, Nickel, du magst schlecht von mir denken, aber
erinnere dich an die Zeit, als ich noch Hannes für dich
war, sieh hinter meine Stirn, lies in meiner Seele … ich
liebe dich, aber es ist immer wieder das Geld … Es ist
so schwer über seinen eigenen Schatten zu springen. Du
liebst mich doch auch. Wir können gemeinsam glücklich
werden … nur dieses eine Mal noch. Mach es für uns.«
Sie ging erneut vor ihm in die Knie, um ihn zu beeindrucken, und bettelte jetzt mit verheißungsvollen Blicken: »Unsere gemeinsamen Liebesnächte, unsere Schwüre, Küsse und Liebesbezeugungen … ist dir das alles nichts mehr wert?«
Er hatte den Kopf grübelnd in die Hände vergraben
und beobachtete sie nachdenklich durch die geöffneten
Finger, während sie wusste, dass er, längst aller Zweifel
enthoben, sich von ihrem Angebot geschmeichelt
fühlte.
»Was ist, wenn’s schiefgeht?«, fragte er nach langem
Schweigen und hob den Kopf.
»Es wird nicht schiefgehen, meine Freunde werden
alles vorbereiten. Du musst nur für die Schlüssel sorgen.« Ihr Herz machte einen Sprung.
»Von den Betrügern will ich nichts wissen. Wenn ich es mache, dann zusammen mit meinen Gesellen.«
»Aber wir müssen das Diebesgut verkaufen, Nickel.
Dazu brauchst du Jonas. Er wird uns nicht betrügen.
Ich kenne ihn.«
»Das glaube ich dir aufs Wort«, antwortete Nickel
grimmig und dachte bei sich: Was kann denn noch schiefgehen? Ist doch schon alles den Bach runtergegangen, bin gefangen in den Fängen eines Weibes, Satan und christliche Hure in einem.