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Historischer Roman aus der frühen Neuzeit

"Item so jemand ... jemands zu bezaubern bedrohet und dem bedroheten dergleichen beschicht, ... das gibt eyn redlich anzeygung der zauberey, und gnugsam ursach zu peinlicher frage." (carolina § 44)
(von zauberey gnugsam anzeygung)

 

nach geschichtlichen Vorlagen der letzten angeklagten Hexe Maria Rampendahl (1681), der Aufzeichnungen des Scharfrichters David Claussen, des Hexenbürgermeisters Hermann Cothmann und des hingerichteten Predigers von St. Nikolai Andreas Koch,

 

Inhalt:
Ihr Haar ist goldrot wie das Feuer der Hölle. Ihre Augen, blau wie Amethyst, versprechen glühende Leidenschaft. Mutig und selbstbewusst, das ist Maria, die Tochter des Ratsherren und Dechen der Brauereizunft Cordt Ram-pendahl. In der Stadt raunt man sich zu, sie sei eine Hexe, und meidet sie. Nur einen stört ihr Ruf nicht: den Henker David Clauss. Wild und ungestüm erobert er ihr Herz schon im frühen Mädchenalter. Es entwickelt sich eine bewegende Liebesgeschichte vor dem historischen Hintergrund der grausamen Hexenverfolgungen in den Jahren 1654 bis 1681 in Lemgo.


Maria Rampendahl, Tochter des angesehenen Lemgoer Braumeisters Cordt Rampendahl, gerät schon als Kind unter Hexereiverdacht, nachdem sowohl ihre Großmutter als auch ihr Schulmeis-ter der Hexerei beschuldigt und hingerichtet werden. Als schließlich auch ihr Bruder stirbt, haftet ihr endgültig der Ruf an, eine Hexe zu sein. Obwohl zwei der mächtigsten Männer der Stadt, der Henker David Clauss und der junge Landmann Hermann Cothmann, um ihre Gunst buhlen, findet sie deshalb zunächst keinen Ehemann. Dennoch verweigert sie dem intriganten Coth-mann ihre Liebe, woraufhin dieser ihr Rache schwört. Tapfer wehrt sie sich gegen die Anschuldigungen der Zauberei und findet Hilfe bei einem jungen Prediger, dem Kopf einer Verschwörung, der ebenfalls als Hexer verurteilt durch das Schwert stirbt. Von allen gejagt, insbesondere vom neuen Blutrichter Cothmann, der ihr immer noch nachstellt, findet Marie nur beim Scharfrichter David Hilfe. Nach einem heimlichen Kuss im Rathauskeller verliebt sie sich unsterblich in ihn. Weil David jedoch verheiratet und zudem als Nachrichter nicht standesgemäß ist, bleibt es eine unerfüllte Liebe. Mithilfe einer List ihres Vaters heiratet Maria Jahre später den zugewanderten Barbier Hermann Hermessen. Nach einem weiteren missglückten Versuch Cothmanns, sich Maria gefügig zu machen, soll sie auf sein Geheiß hin nun endlich gefangengesetzt werden. Doch Maria gelingt es, während der Belagerung der Stadt durch den Bischof zu Münster zu fliehen. Die Flucht führt sie geradewegs in die Arme des Henkers, dem sie nun ihre Liebe gesteht. David rettet Maria das Leben, beide entsagen jedoch ihren Gefühlen.
Während in der Folgezeit der Reichtum der Hermessens wächst, brodelt es in der Stadt. Die Hexenfeuer lodern auf und die Schreie der Gefolterten brechen nicht ab. Auch der Reichtum der Hermessens ist immer wieder Ziel von Verdächtigungen. Man munkelt, Hexerei sei im Spiel. So kommt die Selbstbezichtigung der Maria Blattgerste dem Hohen Rat gerade recht, denn als ihre Erzfeindin belastet sie in ihrer Aussage auch Maria Rampendahl schwer. Mutig bietet diese den Ratsherren die Stirn, bis David schließlich vor die schwere Aufgabe gestellt wird, seine Geliebte zu foltern. Er gerät in einen schweren seelischen Konflikt, doch Maria erkennt seine Qualen, ermutigt ihn zu der grausamen Prozedur und gibt sich ihm in der Nacht vor ihrer Verurteilung im Kerker hin. Draußen beginnt derweilen ein Kampf um Leben und Tod. Während David damit hadert, die Geliebte töten zu müssen, wendet Hermann durch einen waghalsigen Ritt zur Universität Rinteln in letzter Minute ihr Schicksal. Ein Gutachten rettet ihr Leben und ermöglicht einen Neuanfang der Familie im benachbarten Speyer.


Stilprobe (Kapitel 1, Die Hinrichtung):


Edle, GroßEhr und Tugendreiche Frau Mutter, mein hochgeehrte frau Schwägerin.
Von hießigem Process ist dieses zu berichten, dass vorgestern der eine geraume Zeit in hafft gesessene Schulmeister iustificiert worden. Er wurde vffm marckt auff einen wagen gesezt, einmahl mit gluenden Zangen, vnd nachgehends vnterwegs noch zweymahl gerissen, furm Thor endhauptet, vnd vffs feuer geschmissen vnd verbrant. Er stelte sich sehr geherzt zum tode an, vnd hatt mann ihn nicht einmahl schreyen hohren (…)
Lembgo, den 28. Septembris Ao. etc. 1654
Meiner hochgeehrten frau Mutter, Dienstergebener vnd allzeit bereitwilliger Diener, Jacob Heinrich Zutterig

 

Laut läuteten die Glocken von St. Nikolai, als die ersten Schaulustigen zum Marktplatz stürmten, um sich freie Plätze zu sichern. Die Menschen waren das gewöhnt, denn in Lemgo läuteten meis-tens die Glocken. Entweder war gerade wieder einmal ein Ratswechsel angesagt oder der hohe Herr Bürgermeister und Blutrichter Heinrich Kerckmann ließ auf dem Marktplatz Aufsässige und lästige Verwandte als Hexen und Zauberer hinrichten. Für diesen Tag, den Samstag vor Pfingsten 1654, hatte sich der Richter etwas ganz Besonderes ausgedacht, um seinen Untertanen Zucht und Ordnung zu lehren. Denn schon lange war der mächtigste Mann Lemgos in Amt und Würden, viel zu lange, um nicht zu wissen, dass seine Macht zu Ende ging. Er würde unbedingt ein Exempel statuieren müssen, um sich seinen Ruf als christlicher Ritter der ach so sehr im Argen liegen-den Welt zu wahren, seinen Ruf als einen Mann der Tat, der weder Tod noch Teufel fürchtete.
Vor dem Rathaus waren die Zimmerleute bereits geschäftig dabei, die Tribüne für das hochherrschaftliche Gericht aufzubauen. Die Menschen auf dem staubigen Platz gafften sie ungläubig an, so als sähen sie das riesige Holzgerüst, von welchem der Richter nachmittags um vier das längst feststehende Urteil verkünden würde, zum ersten Mal. Mit offenen Mäulern zogen sie die Hüte und Mützen, bevor sie sich rundherum niederließen. Um sich die Langeweile bis zum Nachmittag zu vertreiben, hatten sie Stühle, Verpflegung, Bier und ihre Kinder mitgebracht. Bald steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten: „Hast du es auch gehört, Nachbar? Diesmal soll es die spektakulärste Hinrichtung aller Zeiten werden. Auf dem Weg zur Sandkuhlen vor dem Ostertore wird Meister David dem vermaledeiten Schulmeister das Fleisch vom Leibe reißen. So hat es der hohe Richter angeordnet. Welch ein Leid! Aber er hat es nicht besser verdient, der Hurensohn. Darf man sich gegen den hohen Rat auflehnen und unseren Kindern, Gott beschütze sie, anstelle von Recht und Gehorsam das Zaubern lehren? Gott stehe ihm bei, dem Schulmeister Hermann Beschoren.“
Als gegen Mittag die letzten Zuschauer aus allen Himmelsrichtungen zum Marktplatz drängten, brodelte es bereits wie auf einem Volksfest. Händler und Schmiede hatten ihre Pferdewagen in den Straßennischen der einzelnen Bauernschaften abgestellt und ihre Stände aufgebaut. Tücher in leuchtenden Farben von feinstem Leinen, seidene Garne und Goldschmiede lockten die Haus-frauen zum Kauf. Lustige Holzpuppen, vom Spaßmacher bis zur brennenden Hexe, erfreuten die Kinderherzen, während man sich die hungrigen Bäuche füllte und es sich bei Bier und Gebratenem gut gehen ließ. Bald waren es Unzählige, die zu dem Spektakel zusammengekommen waren, weit mehr als zur Prozession der Heiligen Drei Könige. Wie Trauben hockten sie auf Mauervorsprüngen und Dächern, hingen in Scharen in den Bäumen und drängten sich in den Türen der Häuser, begierig, endlich mit einer besonders grausamen Hinrichtung für ihre Geduld belohnt zu werden.
Abgeschirmt von diesem Spektakel stand im Schutze der düsteren Rathausmauern vor dem hohen Fenster weit über ihren Köpfen ein einzelner Mann. Seine Schultern waren wie unter einer schweren Last gebeugt, doch seine Augen über der gebogenen Nase und dem energischen Kinn verfolgten wachsam das Geschehen auf dem Marktplatz. Der Blutrichter Heinrich Kerckmann war alt geworden, ein Schatten seiner selbst, ein krummer gebeugter Mensch, der es nicht überwand, dass er es in all den vielen Jahren seiner Alleinherrschaft nicht geschafft hatte, die Stadt von seinem größten Feind, dem Teufel, zu befreien. Seitdem ihm sein Ansehen bei Hofe die Blutgerichtsbarkeit für die Stadt Lemgo eingebracht hatte, jagte er ihn unerbittlich und stellte sich
ihm mit grausamer Härte entgegen. Alles, was man sich bis über die Landesgrenzen hinaus über Kerckmann erzählte, stimmte. Mit scharfem Blick verfolgte er jede Auseinandersetzung seiner Untertanen. Schon ein belangloser Streit zwischen Nachbarn am Gartenzaun oder auch ein un-überlegtes Schimpfwort waren für ihn bereits klare Beweise teuflischen Unwesens. Bekam er den Unglücklichen dann in seine Gewalt, ließ er nichts unversucht, den Teufel mittels grausamer Folter aus ihm herauszulocken, um schließlich als stolzer Sieger eines ungleichen Kampfes die körperliche Hülle den Flammen zu übergeben.
Das war der Rechtsgelehrte und Assessor beim Hofgericht Doktor Heinrich Kerckmann. Er mordete und betete dabei, damit die Seelen noch auf der Folterbank vor Gott Vergebung fänden. Ohne Unterscheidung zwischen Arm und Reich und ohne Rücksicht auf kirchliche oder ver-wandtschaftliche Bande. Die Quelle seiner unumschränkten Macht war Gott, für dessen Vertre-ter auf Erden er sich hielt. Dies war die einzige Autorität, der er sich beugte.
Im Spiegel der Glasscheibe erschien ein Gesicht. Ein junges, fast noch knabenhaftes Antlitz, und doch mit ersten untrüglichen Spuren grausamer Härte und Entschlossenheit, eingerahmt von pechschwarzen Locken. Der Henker David Claussen war leise hinter ihn getreten.
„Euer Hochwohlgebohren, soll ich mit der Prozedur beginnen oder wollen wir noch etwas warten?“
„Augen hat er, so finster wie die rabenschwarze Nacht“, dachte Kerckmann bei sich. „Allein mit der energischen Kraft, die aus ihnen funkelt, könnte er den vergreisten Ratsmitgliedern allesamt das Fürchten lehren. Oh, wie er sie hasste, die Mitglieder des hohen Rates, insbesondere die Vertreter der Zünfte, die sich bestens darauf verstanden, sich seinen Anweisungen zu widersetzen und teuflischen Ausschweifungen hinzugeben. Mit einem Mann wie dem jungen David an der Seite könnte er sich ein Imperium erschaffen und dem Hexenglauben endgültig den Garaus machen. Doch seine Finger zitterten bereits, und seine einstige Kraft war mit den Jahren geschwuden. Er seufzte. Auch das Altern war eine Erfindung des Teufels.
„Gehe er! Und hole er den Schulmeister!“, murmelte er ohne den Blick vom Marktplatz zu las-sen. Im Hintergrund hörte er, wie sich die schweren Schritte langsam entfernten. Als er den jungen Henker aufrecht über den Marktplatz zum Schinderkarren laufen sah, leuchteten seine Augen vor Stolz. Einen solchen Scharfrichter wie den jungen David gab es weit und breit nicht. Die Nachbarstädte, selbst Graf Adolph, liehen ihn sich manchmal gegen gutes Geld aus. Der Mann hatte goldene Hände. Und solange er lebte, wollte er die seinen über ihn halten und es ihm an Arbeit nicht mangeln lassen. Für seine Treue wollte er ihn reich belohnen. Mächtig wollte er ihn machen, so mächtig, dass seine Feinde schon bei der Erwähnung seines Namens vor ihm erzitterten. Denn die Gegner seiner gottgewollten Ordnung, waren zahlreich und hielten sich im Verborgenen. Er aber kannte sie alle. Die jungen aufstrebenden Bürger und die Zünfte, zu denen der verhasste Bürgermeister Kleinsorge und der Deche Rampendahl gehörten. Weltverbesserer, die nur darauf warteten, ihn aus seinem hohen Amt zu drängen.
Während der Richter über seine Feinde nachdachte, herrschte im Hause des Cordt Rampendahl wenig Anlass zu ausgelassener Fröhlichkeit. Der Deche der Bäcker- und Brauerzunft hatte den Knechten befohlen, das Tor zur Diele zu schließen. Selbst die wuchtigen Fensterläden vor den mit Buntglas verzierten Scheiben wurden hastig verriegelt. Das Vorderhaus, in dem gewöhnlich rege Geselligkeit herrschte, wenn Cordt und seine Frau an die Nachbarn selbstgebrautes Bier ausschenkten, schien verweist. Catharina, seine Ehefrau, hatte den Mägden befohlen, kein Vieh zu schlachten und die Kochtöpfe kalt zu lassen. Dem traurigen Anlass gemäß behielt sie sich vor, diesmal zum Mittagsmahl Weizenbrot und Salz zu reichen. Damit wollte die Familie Rampendahl ihres langjährigen Freundes, des Schulmeisters Beschoren, gedenken und Gott den Allmächtigen um Gnade für seine verirrte Seele bitten. Cordt hatte für alle Familienmitglieder, Knechte und Mägde und auch für die Kinder, deren helles Lachen an diesem Tag nicht durch die Räume hallte, Einkehr und Besinnlichkeit angeordnet. Der Hausherr selbst saß in der kaminbeheizten Stube im oberen Speicher des Hinterhauses und starrte mit grimmiger Miene in sein Bier, das vor ihm auf dem Stubentisch stand. Sein Gesichtsausdruck mahnte den Gast auf dem Stuhl gegenüber zur Vorsicht. [...]

 

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