Dieser bewegende historische Roman
erschien im Oktober 2011 im Emons-Verlag Köln.
Das MS dazu "Die
Hexe und der Henker" erkämpfte sich 2005 den zweiten Platz
beim internationalen Schriftstellerwettbewerb "WRITEMOVIS"
in Hollywood.
L
Ein ergreifender historischer
Roman aus der frühen Neuzeit
"Item
so jemand ... jemands zu bezaubern bedrohet und dem bedroheten
dergleichen beschicht, ... das gibt eyn redlich anzeygung der
zauberey, und gnugsam ursach zu peinlicher frage." (carolina
§ 44) (von
zauberey gnugsam anzeygung)
nach
geschichtlichen Vorlagen der letzten angeklagten Hexe Maria Rampendahl
(1681), der Aufzeichnungen des Scharfrichters David Claussen,
des Hexenbürgermeisters Hermann Cothmann und des hingerichteten
Predigers von St. Nikolai Andreas Koch,
Leseprobe 1
...Er wand sich wie ein gefangener Stier. »Maria, lauf zum Wagen. Lauf weg!«, schrie er in Sorge. Glutrot und gespenstisch loderte das Feuer im Hintergrund.
In den vordersten Reihen kamen die Nachbarn Stockmeyer,
Reineking, Echtner und die Rullmann auf sie zu. Sie hatten sich mit den
anderen Gaffern zu einer undurchdringlichen Mauer untergehakt und beobachteten sie lauernd mit vom Alkohol aufgedunsenen
Gesichtern, während sie Schritt für Schritt bedrohlich näher rückten.
Eine Walze aus schwitzenden und stampfenden Leibern. Es gab kein
Entrinnen mehr. Maria spürte, wie ihr Herz vor Angst bis zum Halse schlug.
Ihre Augenlider flatterten, und die Finger zitterten nervös in
der Seide ihres Rockes, während sie sich verzweifelt nach einem
Fluchtweg umsah. Nur noch wenige Schritte, und die Menge würde sich
über sie hermachen, sie treten, anspeien, ihr an den Haaren
reißen und sie steinigen. Doch plötzlich überkam sie eine seltsame Ruhe. Statt der
Angst fühlte sie eine nie empfundene Kraft in sich aufsteigen. Den
Nachbarn würde sie sich nicht ausliefern. Sie wollte es ihnen zeigen!
Entschlossen nahm sie allen Mut zusammen. Wenn man sie schon für eine Zauberin hielt, dann wäre es doch am klügsten, auch als
eine solche aufzutreten.
»Was wollt ihr von mir?«, schrie sie laut über die Köpfe
hinweg, beugte ihnen den Oberkörper entgegen und stemmte die Fäuste
in dieHüften. »Habt ihr euch nicht bei meinem Vater um Jahr und
Tag mit Freibier die Bäuche vollgesoffen? Euch mit seinem Brot
vollgefressen? Hast du, Catharina Böndel, nicht gar oft um Feuer gebeten und wenn dir mal das Salz ausging, auch welches erhalten?
Sind wir nicht seit Jahren gute Nachbarn?«
Sie lauschte in die Menge, in der sich ein leises Murren
regte. Einige traten beschämt von einem Fuß auf den anderen. Es war um ein Vielfaches einfacher, sich im Wirtshaus zu den Gerüchten
um die Hexe auszulassen, als ihr nun von Angesicht zu Angesicht
gegenüberzustehen.
»Hört nicht auf das listige und verschlagene Weibsbild, das
andere behände bestricken und verführen kann!«, rief plötzlich eine
Nachbarin, Brachts Ehefrau.
Leseprobe 2
Barthold
Krieger holte tief Luft, dann beugte er sich weit nach vorn über
die Kanzel und nahm Maria streng in Augenschein. Je länger er sie
ansah, umso unbehaglicher fühlte sie sich. Lüstern hingen
seine Augen an ihr und forschten lauernd nach etwaigen Anzeichen des
Leibhaftigen. Im Saal herrschte andächtige Stille. »Wie
wollt Ihr, Ehefrau des Barbiers Hermann Hermessen, diese Anschuldigung
entkräften?«
Maria erschrak und
schickte leise ein Gebet zum Himmel. Gehorsam hob sie den Kopf und
richtete die Augen auf Krieger, blickte aber trotzig durch ihn
hindurch. Die letzte Nacht hatte sie im Gemäuer des Turms
verbracht. Auch wenn die Büttel es ihr bis dahin an nichts hatten
fehlen lassen, sehnte sie sich doch nach ihrem Haus, ihrem Ehemann und
den Kindern. Die Angst, Letzteren könnte vielleicht etwas passiert
sein, machte sie fast wahnsinnig. Wo nur der Vater blieb? Ungeduldig
wich sie Kriegers Blick aus und sah erneut zur Tür in der
Hoffnung, dass endlich Ratsherr Rampendahl eintreten und die
Anschuldigungen gegen seine Tochter Lügen strafen würde. Auf
die Frage schwieg sie beharrlich. Unter normalen Umständen
hätte sie das Gesicht des Stadtsekretärs als angenehm
empfunden. Sein markantes Profil verriet Spuren väterlichen
Interesses, zumindest aber wirkte er lebendiger als die anwesenden
Ratsmänner, weil er ungeschminkt war und eine gesunde Bräune
seinen Zügen Natürlichkeit verlieh. Der verächtliche Zug um seine Mundwinkel und die seelenlosen blauen Augen schreckten sie dennoch ab. Krieger wurde ungeduldig. Seine Finger trommelten leise auf die Tischplatte. Plötzlich hob er die Stimme. »Maria Rampendahl, seid Ihr gesinnt, in Güte die Wahrheit zu sagen, oder müssen wir dieselbe durch die Schärfe von Euch erforschen?«, mahnte er sie eindringlich. Er hatte sich drohend aufgerichtet und die Hände auf dem Tisch aufgestützt. Sein Blick durchbohrte sie wie die Spitze eines Degens. Sie ahnte, dass er es ihr nicht leicht machen würde, wenn sie nicht bald redete.
»Ohne meinen Vater sage ich kein Wort«, erwiderte sie, um Zeit zu gewinnen. »Ich erkenne die hohen Herren Rullmann, Hans Koch und Reineking, aber wo ist mein Vater? Ich kann ihn nirgends entdecken.« »Euer Herr Vater hat keine Einladung zu dieser außerordentlichen Sitzung erhalten.«
Erstaunt hob Maria die Brauen und trat nun mutig einen Schritt nach vorn. Der Ausschluss des Vaters ließ sie die wahren Absichten der hohen Herren erahnen. Wütend vergaß sie die Gefahr und entgegnete: »Fürchten die Herren etwa meinen Vater? Könnte er Euch auf diese absurden Anschuldigungen vielleicht etwas entgegnen, was Eure Ohren nicht vertragen? Oder welcher Art sind die Gründe, weshalb mein Vater an diesem an den Haaren herbeigezogenen Prozess nicht teilnehmen darf?« Stolz richtete sie sich auf. »Glaubt ja nicht, Ihr Herren, dass mein Vater dies alles als gegeben hinnehmen wird. In Euren Augen sehe ich jetzt schon die Furcht vor der Macht der Zünfte!« Verächtlich spuckte sie vor sich auf den Boden. Vor ihr saßen ein paar alte Männer und ein kranker Bürgermeister, der bisher noch kein Wort gesagt hatte und stattdessen mit fiebrigem Blick gelangweilt in einem Buch herumblätterte. Jetzt hob er sein Gesicht und bedachte sie mit einem seltsamen Blick. »Hurensohn!«, zischte sie verhalten. Die Knechte vernahmen es und grinsten. »Der Teufel hole mich, wenn ich zaubern kann. Mit der Blattgerste habe ich überhaupt nichts gemein«, begann sie sich zu rechtfertigen. »Sie ist eine infame Lügnerin!
Leseprobe 3
Vorsichtig hatte Maria sich
aus ihrer unbequemen Stellung erhoben. Ängstlich wich sie vor dem
Knecht zurück, suchte nach Halt, griff ins Leere und taumelte.
David fing sie auf. Für Sekunden spürte sie seine warmen
Hände, dann riss ihr der Filler die Kleider vom Leib. Die Scham
brannte wie Feuer, doch Davids Blick lag sanft und tröstend auf
ihr. Er signalisierte: »Hab keine Angst, ich bin bei dir!«
Gebannt hing sie an seinen Augen, suchte in ihnen den rettenden Hafen,
die Kraft, um die Schmach zu überstehen. Der Richter grinste und
betrachtete ungeniert ihren Körper. Davids Unentschlossenheit
reizte ihn, selbst Hand anzulegen. Er trat nahe an sie heran, um vor
den Augen der anderen mit seinen behandschuhten Fingern ihre
Brüste, ihre Hüften und ihren Schoß nach Teufelszeichen
zu untersuchen, während der Knecht brutal ihre Beine spreizte,
heißes flüssiges Wachs über die Schamhaare goss und sie
dann schmerzhaft mit einem Messer herausriss. »Keine
Teufelsmale«, bemerkte er mit Bedauern, da er um ein besonderes
Schauspiel gebracht worden war. In seinem Gesicht war die
Enttäuschung abzulesen. »Waltet jetzt Eures Amtes,
Henker!«, wandte er sich an David.
Das Stehen schien den Richter ermüdet zu haben. Er zog eine
Grimasse und schleppte sich zum Sessel zurück. Ächzend
ließ er sich in den Richterstuhl fallen. Extra für diese
Prozedur hatte er sich den weicheren, bequemeren Lehnstuhl aus dem
Rathaus holen lassen. Ein paarmal rutschte er auf der gepolsterten
Sitzfläche hin und her, dann blickte er zu Krieger und
stöhnte leise: »Seid Ihr bereit, das Protokoll zu
schreiben?«
Krieger beobachtete ihn kritisch. »Sollen wir die Tortur besser
verschieben, hoher Richter?«, fragte er besorgt. Doch Cothmann
winkte ab. »Es ist nur eine kurze Schwäche, mein Freund. Dem
Teufel zu begegnen, fühle ich mich allemal stark genug.«
»Das Licht ist zu schwach, um das Protokoll
ordnungsgemäß zu führen, hoher Richter«, wandte
Krieger ein und verwies auf die flackernden, bis zur Hälfte heruntergebrannten Fackeln. »Soll ich noch Talglichter holen lassen?«
»Nicht nötig.« Cothmann schüttelte den Kopf. »Im Sinne einer zügigen Abwicklung sollte das Licht ausreichend sein.« Er hatte absichtlich keine Talglichter aufstellen lassen. »Was Ihr nicht genau erkennt, vermerkt Ihr, wir können es später immer noch nachtragen.«
Die Ratsherren und auch Krieger blickten erstaunt auf den Richter. Gerade was die Protokolle und das Urteil betraf, war Cothmann bisher immer besonders korrekt vorgegangen. Nicht das kleinste Detail durfte vergessen werden. Was bewog ihn also plötzlich dazu, bei der Rampendahl so oberflächlich zu verfahren? Schon lange waren sie nicht mehr unbedingt einer Meinung mit dem Bürgermeister und billigten seine Vorgehensweise nicht in jedem Punkt. Doch ein Blick von ihm genügte, und sie wagten nicht, Kritik zu üben. Der kranke Mann besaß immer noch zu viel Macht.