Hier zwei schöne Kurzgeschichten
Das Wunder des kleinen blauen
Autos'
Ich weiß nicht,
woher sie plötzlich gekommen waren. Sie standen mit einem
Mal neben meinem Auto und blickten mit großen hungrigen
Augen durch das von der Kälte beschlagene Seitenfenster.
Ich überlegte, ob ich weiterfahren oder aussteigen sollte.
Denn ich konnte mir nicht erklären, was sie von mir wollten,
hier draußen im Dunkeln, auf der vereisten, stark verwehten
Landstrasse. Die kleinen bäuerlichen Fachwerkhäuser,
deren hellerleuchteten Fenster in mir unstillbare Sehnsucht nach
Wärme und Geborgenheit geweckt hatten, lagen bereits weit
hinter mir. Es hatte zu schneien begonnen, erst leicht, in kleinen
weichen Flocken, dann größer und stärker, bis
von einer kräftigen Bö getragen, unförmige weiße
Wattefetzen gegen meine Scheiben klatschten.
Neugierig öffnete ich die Wagentür. Der eisige Wind
schnitt mir sofort ins Gesicht und reizte mich zum Husten.
Im faden Licht des Scheinwerfers erspähte ich einen Jungen
und ein Mädchen. Das kleinere Mädchen schätzte
ich auf höchstens sechs Jahre. Trotz der Kälte trugen
die beiden keine Handschuhe, keinen Schal und keine Mütze.
Auch die übrige Kleidung schien den augenblicklichen Witterungsverhältnissen
wenig angepasst.
Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass sie sicher schon
bessere Tage erlebt hatten.
Der Junge pustete seinen warmen Atem in die von der Kälte
geröteten, steifen Hände, während das Mädchen
neugierig in meinen Wagen schaute und mit heller Stimme ins Innere
rief: "Das ist ja ein Hund! Och, ist der niedlich! Darf ich
den mal streicheln?"
Janosch hatte sich daraufhin in seiner ganzen Größe
erhoben und ihr sofort, wie es seine Art war, sein weiches Schlappermaul
entgegengestreckt.
Ich kannte meinen Boxer und wusste, dass er diese willkommene
Abwechslung mit Freuden registrierte. Anders als ich. Denn an
den nun sehr wachen und mit großem Interesse auf mir ruhenden
Augen des Jungen erkannte ich, dass es nicht mein Hund war, der
sie angelockt hatte, sondern dass die Kinder ein Anliegen hatten.
Da ich mich durch ihr Auftauchen in meinem Gedankengang gestört
fühlte, reagierte ich mit abweisendem Gesichtsausdruck. Schließlich
wusste ich von vornherein, dass ich ihnen sowieso nicht helfen
konnte, egal, welche Bitte sie auch hätten.
Doch da hatte der Junge bereits einen kleinen schäbigen Beutel
hervorgeholt, in dem er nun eifrig kramte. Nach einem kurzen Moment
förderte er zwei selbstangefertigte Holzspielzeuge zutage,
von denen er eines dem Mädchen gab. Es waren zwei an einer
Schnur aufgereihte Gebilde, die entfernt Ähnlichkeit mit
den Kasperpuppen aus meiner Kinderzeit hatten.
Ich blickte verständnislos auf das Spielzeug, während
der Junge mit einer Behändigkeit, die einem geschäftstüchtigen
Kaufmann zur Ehre gereicht hätten, mir die Sachen feilbot.
"Bitte, Tante, kaufen Sie uns etwas ab!" bat er. "Es
ist alles reine Handarbeit. Deshalb besonders wertvoll. Das hier
ist ein Kasper, der sich an Händen und Füßen bewegt,
wenn man an dem Strick zieht."
Er gab mir sofort fachmännisch
eine Anleitung und verwies gleichzeitig auf das Holzpüppchen
in den Händen des Mädchens, welches er als eine selbstgebastelte
Marionette vorstellte. "Wir zeigen dir aber gern auch noch
andere Sachen, wenn du möchtest", fuhr er fort, zum
kindlichen "du" übergehend. "Zum Beispiel
Autos. Du hast doch sicher Kinder, denen du diese Dinge schenken
kannst?" fragte er, wobei er mich lauernd beobachtete.
Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Das Spielzeug
war so schäbig wie die abgetragene Kleidung der Kinder. Im
Scheinwerferlicht meines Autos sah ich, dass die Kinder die Sachen
tatsächlich selbst angefertigt haben mussten. Wahrscheinlich
auch noch in großer Eile, denn die dünnen Holzfiguren
waren miserabel ausgesägt, während krumme, hervorstehende
Nägel den traurigen Rest zusammenhielten.
Umständlich beschaute ich mir das Spielzeug. Drehte es zwischen
meinen Händen, bis mein Blick auf die nun bittenden Augen
des Jungen traf. "Wie viel willst du denn für die Sachen
haben?" hörte ich mich fragen - und ärgerte mich
im gleichen Moment darüber. Denn die Antwort: "Der letzte
Käufer hat uns zwanzig Euro dafür gegeben" ließ
mich dreimal tief Luft holen. Es war dem Jungen deutlich anzusehen,
dass er gelogen hatte. Ich schätzte, dass sie noch nicht
eines der guten Stücke verkauft hatten. Wer hielt schon nachts
bei eisiger Kälte, auf offener Landstrasse seinen Wagen an,
um Spielzeug zu kaufen?
Ich schüttelte den Kopf und war im Begriff, die Wagentür
wieder zu schließen. Doch irgend etwas hielt mich plötzlich
davon zurück, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Waren
es nun die beiden traurigen Gestalten, die, vom stärker werdenden
Wind gebeutelt, am ganzen Körper schlotterten, die namenlose
Enttäuschung in ihren Augen, als ich mich von ihnen abwandte,
oder war es mein eigenes unbestimmtes Schicksal, was mich dazu
bewog, statt dessen in meiner Handtasche nach einem Geldstück
zu suchen.
Ich musste lange suchen. Dabei spürte ich ihre gespannten
Blicke in meinem Rücken. Als ich es endlich in Händen
hielt, mein letztes Eurostück, kamen mir Zweifel, und ich
ließ es wieder ins Tascheninnere zurückgleiten.
In dieses letzte Geldstück hatte ich meine ganze Hoffnung
gesetzt. Damit hatte ich vorgehabt, ein letztes Mal zu telefonieren.
Ich brauchte doch dringend ein Dach über dem Kopf. Die Kinder
konnten ja nicht wissen, dass es mir nicht besser ging als ihnen,
dass ich ebenso der Hilfe bedurfte. Denn schließlich besaß
ich nichts mehr als dieses Geldstück.
Vor ein paar Minuten erst, hatte ich mich schweren Herzens von
meinem treuen Hund verabschiedet. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
hatten mich dabei veranlasst zu Gott zu beten, mir doch wenigstens
diesen Hund zu lassen. Schließlich war er das einzige, woran
ich mich in meiner Einsamkeit noch klammern konnte. Für wen
sollte ich denn sonst weiterleben?
Aber der Himmel war dunkel geblieben. Das erhoffte Zeichen erschien
nicht, und im Morgengrauen musste ich das Tier dem Menschen überlassen,
dem ich mein jetziges Schicksal verdanke..
Den Mut, aus der Einsamkeit meiner trostlosen Ehe zu fliehen,
habe ich teuer bezahlen müssen. Denn nun stehe ich mitten
im Winter auf der Straße, ohne ein wärmendes Zuhause.
Fast hätte ich in meiner Verzweiflung vergessen, dass es
auch noch anderen so ergehen könnte wie mir, wären da
nicht diese frierenden Wesen in ihren dünnen Sachen, die
mich mit ihren großen Kinderaugen hoffnungsvoll hypnotisierten.
In mir begann ein Kampf zu toben. Meine Hand umkrampfte das Geldstück,
während eine Stimme zu mir sprach: Fahr einfach weiter!
Was geht's dich an?'
Doch eigenartigerweise, ganz entgegen meinem Willen, fast wie
von einer magischen Kraft geleitet, öffnete ich statt dessen
meine Finger, drückte das Geld in die Hand des Jungen und
sagte: "Gib mir das Auto dafür!"
Augenblicklich begannen sich seine gefrorenen Züge aufzuhellen,
während eine sanfte Röte über das blasse schmale
Kindergesicht huschte. Der Junge ließ das Geldstück
flink in der Hosentasche verschwinden und überließ,
offenbar sehr froh über den Handel, mir die Wahl, unter den
Spielzeugen eines auszusuchen.
Ich wählte ein kleines blaues Auto mit wackligen Rädern.
Es erschien mir angemessen.
Als ich mich verabschieden wollte, waren die Kinder bereits verschwunden.
Undank ist der Welt Lohn', dachte ich und ließ den
Motor an, um den Wagen ein wenig aufzuwärmen. Wie von einer
unsichtbaren Macht getrieben, zog es mich plötzlich fort
von diesem Ort.
Ich wusste nicht, wohin ich fahren sollte. So fuhr ich einfach
in die Nacht hinein, immer der Nase nach, die vereiste Landstraße
entlang. Ich hatte die Kinder schon vergessen und dachte daran,
was wohl der Morgen bringen würde. Da fiel mein Blick wie
zufällig auf das kleine blaue Auto, das ich achtlos auf dem
Beifahrersitz gelegt hatte. Und plötzlich meinte ich die
Augen der Kinder durch das matte Holz leuchten zu sehen. Ich hielt
an, nahm es in die Hand und betrachtete es lange und ausgiebig.
Mit einem Mal schien es mir gar nicht mehr so hässlich. Ich
entdeckte mich, wie ich fast liebevoll über den kleinen hölzernen
Körper strich, während meine Gedanken bei den Kindern
weilten. Wer mochten sie gewesen sein? Ich hatte sie nicht einmal
nach ihren Namen gefragt. Welche Not mochte sie auf die Straße
getrieben haben?
Und noch während ich darüber nachdachte, erfüllte
mich eine nie gekannte Zuversicht, ein fast vergessenes Glücksgefühl.
Diese Kinder hatte es gewagt, sich über ihr Schicksal zu
erheben. Sollte dies nicht vielleicht das erhoffte Zeichen sein,
dass auch ich wieder nach vorn schauen durfte?
Ich ließ den Wagen wieder an, und je länger ich das
kleine blaue Auto betrachtete, um so mehr begann sich die Idee
in meinem Kopf festzusetzen, dass dies ein Zeichen des Schicksals
sei, das von nun an meinen Weg in eine neue Richtung lenken würde.
Und tatsächlich: Mein Wagen fuhr, wie von unsichtbarer Hand
gelenkt, sicher durch den Schneesturm bis vor die Haustür
meiner Wohnung, die ich, weil ich sie nicht mehr hatte bezahlen
können, räumen musste.
Im Briefkasten, deutlich sichtbar, glänzten zwei weiße
Briefumschläge. Mit zitternder Hand öffnete ich die
Kuverts. Sie enthielten ein Arbeitsangebot und die Telefonnummer
einer Frau, die mir ein Zimmer in ihrem Haus vermietete.
Als ich ein paar Minuten später unter freiem Himmel stand,
meinen Hund neben mir, eine Hand in seinem Fell vergraben, dankbar
den Blick zum mittlerweile sternenklaren Himmel gerichtet, bemerkte
ich nicht, dass mir vor Glück die Tränen über die
Wangen liefen und ich das kleine hölzerne Auto noch immer
gegen meine Brust drückte. Es sollte für ewig einen
Platz in meinem Herzen einnehmen - aus Dankbarkeit für die
beiden Kinder, die mir in jener Nacht das Glück zurückgebracht
hatten.
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